Der Raum führt mit

Ein Gastbeitrag von Martina Rahmfeld

Über die stumme Macht, die Ihre Kultur formt, noch bevor das erste Wort fällt.

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Referenz Zalando SE Berlin

Stellen Sie sich vor, Sie investieren Unsummen in eine neue KI-Strategie, verstehen  sich als Vorreiter der Transformation und engagieren die klügsten Köpfe. Und dann setzen Sie dieses Team in ein Büro, das die emotionale Temperatur einer Tiefkühltruhe ausstrahlt.

Das ist kein Design-Lapsus. Das ist unternehmerische Sabotage.

Wir müssen aufhören, Architektur als bloße Hülle zu begreifen. Der Raum ist kein passives Gefäß – er ist ein aktiver Akteur. Er ist die einzige Führungskraft, die niemals schläft, keine Gehaltserhöhung fordert und die Kultur Ihres Unternehmens prägt, noch bevor der erste Kaffee getrunken ist.

Winston Churchill begriff das bereits 1943, als er das zerstörte Unterhaus wieder aufbauen musste. Sein Credo kennen wir alle: 


„First we shape our buildings; thereafter they shape us.“ 


Doch der Kontext ist entscheidend: Churchill kämpfte leidenschaftlich gegen eine moderne, hufeisenförmige Sitzanordnung. Er forderte das enge, konfrontative Rechteck zurück. Warum? Weil er wusste, dass das britische Zwei-Parteien-System nur durch die physische Gegenüberstellung überlebt. Er wollte den harten Diskurs, nicht den weichgespülten Konsens des Halbrundes.

Man mag von der britischen Debattenkultur halten, was man will, aber eines ist unbestreitbar: Der Raum liefert bis heute genau das Ergebnis, für das er gebaut wurde. Er erzwingt Konfrontation und Entscheidung statt Verwässerung.


Wenn ein Raum ein ganzes Land führen kann – was glauben Sie, was Ihr Büro gerade mit Ihrer Strategie macht?


Neurobiologie statt Schöner Wohnen

Für Planer und Architekten ist Biophilic Design kein Trend, sondern Biologie. Wir wissen: Ein Waldspaziergang senkt den Cortisol- und Adrenalinspiegel messbar – bei Frauen übrigens signifikant stärker als bei Männern. Wenn wir Räume biophilisch gestalten, managen wir in Wahrheit Hormonkurven. Ein Raum, der die Natur assoziiert, senkt den Stresslevel und hebt die kognitive Performance.

Schönheit ist im Arbeitskontext daher kein dekorativer Luxus, sondern ein energetischer Treibstoff. Aber der Raum kann mehr als „Wohlfühlen“. Er ist das Werkzeug, um Task-Hopping zu reduzieren und Fokus-Phasen zu schützen. 

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Dass diese neurobiologische Steuerung unmittelbar auf die Bilanz einzahlt, belegen die Daten von Gensler eindrucksvoll. Unternehmen, die konsequentes Activity Based Working (ABW) nicht nur als Mobiliar-Konzept, sondern als gelebte Strategie implementieren, erzielen eine signifikant höhere Unternehmens-Performance und Mitarbeiterbindung. Ein prominentes Beispiel ist die schwedische Cancerfonden: Durch den Wechsel in eine Umgebung, die für jede Tätigkeit den passenden neurologischen Trigger bietet, steigerten sie ihre Produktivität – gemessen an den gewonnenen Fördergeldern – um 40 %. Der Raum wurde hier zum Multiplikator für den Stiftungszweck.

Dabei müssen wir uns von der romantischen Vorstellung lösen, dass „schöne Lounges“ allein das Problem lösen. Es ist das Gesetz der Polarität: Informeller Austausch wird nur dann als bereichernd und positiv wahrgenommen, wenn im Gegenzug Orte für Konzentration und Abschirmung existieren. Da 80 % aller innovativen Ideen durch ungeplanten Austausch entstehen, sind Lounge-Settings zwar die Geburtsstätten der Innovation, aber ohne die „Zelle“ für die anschließende Vertiefung verpufft diese Energie in kognitiver Erschöpfung.


Wir sollten daher vielmehr in tatsächlichen Abläufen und Tätigkeiten denken und handfeste Lösungen anbieten.


Kennen Sie das “Meeting-After-The-Meeting” bei Harry's? Wo vor jedem klassischen Besprechungsraum ein Ort – sei es eine kleine Sitzmöglichkeit oder auch nur eine Nische – angeordnet wurde, um die Gespräche, die die Kollegen beim Verlassen des Meetingsraumes noch führen nicht abzubrechen, weil sie im Flur nicht im Weg stehen wollen, sondern, wo diese Gespräche noch zu Ende gebracht werden können. Diese meetings after the meeting haben sich als absoluten Mehrwert herausgestellt, da genau in diesen Gesprächen absolut lösungsorientiert und frei weitergedacht wurde.

Diese Art von activity based working ist es, die den Unterschied zu bloßen Phone-Boxen und Lounges macht.

Der neue Kollege: Wenn die KI im Meeting Platz nimmt

In Carsten Schermulys „New Work Utopia“ agiert die KI Thufir als integraler Bestandteil des Teams. Was vor Jahren wie Science-Fiction klang, wird durch Agentic AI zur Realität. Und ist in vielen Unternehmen schon heute Alltag. Ich selber arbeite mit verschiedenen Agenten. Doch die KI ist kein Werkzeug mehr, das man im stillen Kämmerlein nutzt – sie wird zum aktiven Sparringspartner in der Gruppe.

Das verändert die Anforderungen an unsere physische Infrastruktur radikal:

1. Das hybride Interface:

Jeder Besprechungsraum muss künftig so ausgestattet sein, dass eine KI via Audio und Screen nahtlos partizipieren kann. Sie muss uns Dinge zeigen, vorlesen und aktiv intervenieren können. Der Raum wird zum Interface zwischen biologischer und künstlicher Intelligenz.

2. Das akustische Ungetüm:

Die Spracheingabe revolutioniert unser „Doing“. Wir tippen weniger, wir diktieren mehr. Hinzu kommen die vermehrten Video Calls seit Einführung der hybriden Arbeitsweisen. Das Ergebnis? Das Büro wird wieder laut. Indem wir durch moderne Gebäudehüllen und leisere Hardware den Außenlärm eliminiert haben, haben wir ein jedoch neues Ungetüm geschaffen: die maximale Sprachverständlichkeit.

Die Ökonomie der Ablenkung

Studien (u.a. der University of California) zeigen: Ein Wissensarbeiter wird im Schnitt alle 11 Minuten unterbrochen. Es dauert bis zu 23 Minuten, um wieder in den Zustand des „Deep Work“ zurückzukehren. In einer klassischen Zellenstruktur mit hoher Sprachverständlichkeit ist jedes Wort des Kollegen ein kognitiver Übergriff. Egal, ob er telefoniert, einen Video Call hat oder eben diktiert.

Die wirtschaftlichen Ausfälle durch diese permanenten Mikro-Unterbrechungen gehen in die Milliarden. Die Lösung für das KI-Zeitalter ist paradox: Wir brauchen eine schlechtere Sprachverständlichkeit.

  • Weg von der Zelle, hin zu offenen, aber kleinteiligen Zonen mit einem kontrollierten Grundrauschen.
  • White Noise und aktiv geplante Akustik-Maßnahmen sind keine Add-ons, sie sind überlebenswichtig für die Konzentration.

Fazit: Die hybride Trias

Ein Büro, das nur ein „Ort der Arbeit“ ist, hat gegen das Homeoffice bereits verloren. 


Das Büro der Zukunft muss ein funktionierender Lern- und Erfahrungsort sein, der Arbeit sichtbar macht und Sinn und Stolz auf das eigene Unternehmen stiftet.


Doch der Raum allein heilt nichts. Wir brauchen eine bewusste hybride Strategie: Das Zusammenspiel von Raum, digitaler Kommunikation und Organisation. Nur in dieser Trias gelingt die Transformation.

Lassen Sie uns Räume schaffen, die unsere Art zu arbeiten aktiv formen. Und das bitte in unserem Sinne – bevor die stumme Führungskraft uns in eine Sackgasse leitet.

Autorin Martina Rahmfeld
wow tomorrow