Im Gespräch: Marianne Goebl

Marianne Goebl arbeitete bei Vitra und war Direktorin der Messe Design Miami. Seit fünf Jahren ist die Österreicherin Managing Director des finnischen Möbelherstellers Artek.

Marianne Goebl (© Artek)

Uta Abendroth: Sie sind seit 2014 Managing Director von Artek. Wie haben Sie das Unternehmen erlebt, als Sie dort angefangen haben, und was hat sich dort in den letzten Jahren verändert?
Marianne Goebl: Es war und ist faszinierend für mich, wir sehr Artek in Finnland präsent ist – das Unternehmen ist Teil des nationalen Kulturguts und die Produkte sind quer durch alle Gesellschaftsbereiche, von privaten Wohnungen bis hin zum öffentlichen Raum, sichtbar. Die Identifizierung unserer finnischen Kollegen mit dem Unternehmen ist entsprechend hoch. Gleichzeitig hatte Artek immer eine internationale Dimension, die Firmengründer standen bereits in den 1930er-Jahren in regem Austausch mit gleichgesinnten Gestaltern und Unternehmern weltweit. Diese Balance zwischen lokaler Verwurzelung und internationaler Strahlkraft wollten wir aufrechterhalten. In den letzten Jahren haben wir sowohl an Arteks Position in Finnland als auch an der Internationalisierung gearbeitet und dieses Jahr unseren ersten Artek-Store in Tokio eröffnet. Mich hat außerdem überrascht, wie vielseitig Arteks Produktsortiment ist. Viele Produkte sind außerhalb von Finnland kaum bekannt. Wir haben mit einem Blick von außen vieles aus dem Artek-Archiv in neuem Licht gezeigt, was erfreulicherweise auch in Finnland gut ankommt, und verstärkt mit internationalen zeitgenössischen Designern an neuen Produkten gearbeitet.

UA: Vitra hat 2013 Artek übernommen. Was hatte das für Konsequenzen für die Finnen?
MG: Wir entwickeln Artek als eigenständige Marke weiter, und das mit vollem Zugriff auf Vitras Know-how in Produktentwicklung, Logistik und internationaler Distribution. In Finnland können wir uns daher stärker auf die lokalen Aktivitäten konzentrieren. In den letzten Jahren sind wir mit dem Artek-Store in ein tolles Gebäude von Eliel Saarinen im Zentrum von Helsinki umgezogen und bleiben dort Arteks ursprünglichem Auftrag treu, ein „Ort für die Vermittlung der modernen Wohnkultur“ zu sein – aber im Stil unserer Generation. Dieses Jahr haben wir mit dem finnischen Team auch neue Büroräume in Helsinki bezogen, eine interessante Referenz für Architekten und Projektkunden.
 
UA: Gibt es eine besondere Art von Kooperation zwischen Weil am Rhein und Helsinki?
MG: Helsinki ist die kleine Schwester, die von Weil am Rhein tatkräftig unterstützt wird, aber den Spielraum hat, ihren eigenen Weg zu gehen.

UA: Der Eindruck ist, dass die Entwürfe von Alvar Aalto die Artek-Kollektion noch dominieren, aber zeitgenössisches Design, etwa von Ronan und Erwan Bouroullec, wichtiger wird. Wie beurteilen Sie die Entwicklung, die Balance zwischen Bewahren und in die Zukunft denken?
MG: Die Entwürfe der Aaltos stehen tatsächlich im Zentrum der Artek-Kollektion. Viele Aalto-Produkte scheinen in ihrer poetisch-funktionalen Schlichtheit völlig zeitlos, sie könnten heute genauso wie vor 80 Jahren entworfen worden sein. Dazu kommen die lokale Beschaffung von natürlichen Materialien, die Fertigung in Kombination von traditionellem Handwerk und industrieller Logik und ein Alterungsprozess der Möbel, der sie immer schöner macht – Aaltos Ideen sind für bewusste Konsumenten von heute relevanter denn je. Der Blick von Artek, der Name setzt sich aus „Art und Technology“ zusammen, ist aber immer auch nach vorne gerichtet. Wir interessieren uns für aktuelle Stimmen und Produktionsmöglichkeiten, möchten Arteks Prinzipien neu interpretieren. Die Tische und Wandregale „Kaari“ der Bouroullecs oder auch die Kleiderständer „Kiila“ von Daniel Rybakken basieren auf intelligenten Konstruktionsprinzipien und lassen sich zerlegt transportieren. Der „Atelier Chair“ von TAF Studio ist ein universeller Holzstuhl, der zu Hause, in Restaurants, Universitäten oder Auditorien zum Einsatz kommt. Wir möchten keine neuen Produkte nur um der Neuheit willen auf den Markt bringen. Wenn wir etwas zu sagen haben, dann tun wir das aber gerne.

UA: Welches Möbel ist der Bestseller? Und können Sie erklären, warum?
MG: Der dreibeinige Hocker „Stool 60“, von Alvar Aalto 1933 entworfen, ist das beliebteste Artek-Produkt. Es ist das ultimative Möbelstück – je nach Bedarf Sitz, Tisch, Ablage, Präsentationsfläche oder (aber bitte nur als vier-beiniges Modell „Stool E60“!) Steighilfe.
Er ist richtungslos und sieht, wie auch immer in den Raum gestellt, gut aus. Und gestapelt wird er zur Skulptur. Aus massiver finnischer Birke in über 50 Arbeitsschritten aufwendig gefertigt, ist der Hocker trotzdem einfach und elementar. Er ist da, wenn man ihn braucht, drängt sich aber nie in den Vordergrund. Ich denke, der Hocker erfüllt ein zentrales Bedürfnis vieler Kunden: ein ehrliches, funktionales Möbelstück, das auf unaufgeregte Art Schönheit in den Alltag bringt.

UA: Werden Artek-Möbel immer noch in Finnland produziert?
MG: Die Möbel von Alvar und Aino Aalto werden nach wie vor in unserer eigenen Fabrik in der Nähe von Turku/Finnland produziert. Sie ist auf die Holzverformungsmethoden der Aaltos spezialisiert.

UA: Ist Birkenholz immer noch das favorisierte Material?
MG: Die Aalto Klassiker werden aus finnischer Birke gefertigt, aber auch für zeitgenössische Möbel, die wir in Finnland produzieren, ist oft lokales Birkenholz unser Favorit. Zuletzt etwa für die „Kiulu“-Bank aus unserer finnisch-japanischen Freundschaftskollektion. Für Möbel, die wir in anderen europäischen Ländern produzieren, suchen wir bewusst lokale Hölzer aus, statt Birke aus Finnland zu importieren. Den „Atelier Chair“, der aus Italien kommt, gibt es aus Eiche, Buche und Esche, ein warmes, helles Holz mit schöner Maserung, das ich persönlich sehr mag. Und wiederum gut zur „blonden“ finnischen Birke passt.

UA: Haben Sie ein Lieblingsstück in der Kollektion?
MG: Das verändert sich ständig und ist oft das Produkt, an dem wir gerade am intensivsten arbeiten und mir daher besonders nahe ist. Aktuell sind das die Pendelleuchten der Aaltos, die subtil mit direktem und indirektem Licht spielen und dank ihrer skulpturalen Form auch ausgeschaltet gut aussehen. Mein momentaner Favorit ist die Leuchte „A201“ von Alvar Aalto, sie hat eine gute Größe für einen Esstisch und scheint aufgrund der indirekten Lichtführung zu schweben.